Draußen

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Anne platzte vor Stolz, als Tommy die Nachricht erhielt, dass man ihn für den nächsten Flug zur Raumstation ausgewählt hatte. Ein Traum wurde wahr. Ihr Ehemann stand vor dem größten Erfolg seines Berufslebens: Professor Thomas Rademacher, den alle nur «Tommy» nannten, Astrophysiker und angehender Astronaut. Welche Frau konnte in gleicher Weise zu ihrem Mann aufschauen. Die Fernsehreportagen über zurückliegende Reisen ins All hatten doch in zahllosen Episoden wieder und wieder dokumentiert, wie wichtig die Rolle der auf der Erde zurückgebliebenen Ehepartner für die mentale Stabilität der Teufelskerle dort draußen war.

Im Kreis der Freundinnen stand sie seither stets im Mittelpunkt. Alle wollten wissen, wann es losging, wie sie sich dabei fühlte, und ob sie nicht Angst habe.

«Angst? Wovor?», war ihre Standardantwort. «Wir sind erwachsene Menschen.»

Die NASA hatte sie in die USA eingeladen, um den Start der Raumfähre im Kennedy Space Center mitzuerleben. Begeistert war sie der Einladung gefolgt. Tommy musste sich zusammen mit seinen Kollegen auf die Mission vorbereiten. Aber immerhin konnte sie ihn auf dem Weg zum Gleiter noch einmal sehen, wenn auch nicht umarmen. Der Raumanzug machte ihn unförmig und unnahbar.

Die Dragon hob ohne Komplikationen ab und erreichte in der vorgesehenen Zeit die Station im All. Bald ließ die Anspannung nach, die Anne seit Wochen nicht hatte schlafen lassen. Der erste, der schwierigste Schritt war für beide gemeistert. Vor Tommy lagen sechs Wochen Arbeit in der Schwerelosigkeit. Vor Anne ein bisschen Routine, bevor sie gegen Ende des Einsatzes wieder in die Vereinigten Staaten fliegen würde. Die Landung würde sie nicht verpassen wollen.

Die Weltraumbehörde hatte ihr angeboten, einige Tage in Florida zu bleiben, aber berufliche Termine in der Heimat ließen einen längeren Aufenthalt nicht zu.

Nach ihrem Rückflug begrüßten die Freundinnen sie überschwänglich. Sie wurde bewundert und beneidet. Sie war eine gefragte Frau, das tat ihr gut. Soweit ihre Kenntnisse reichten, beschrieb sie immer wieder die technischen Einzelheiten der Mission. Sie redete über Strahlungsexposition und Abfallmanagement, über Weltraumschrott und Sauerstoffversorgung. Es kam ihr manchmal so vor, als sei sie die Hauptperson des Unternehmens ISS.

In den ersten Tagen der Mission lief alles ohne Komplikationen. Jedes Modul funktionierte, wie es sollte.

Anne wurde täglich vom Missionsdirektor persönlich über die Lage unterrichtet. Alles roger, hieß es stets, null Probleme, Tommy lasse Grüße ausrichten, er denke an sie und sei stolz, eine so starke Frau zu haben. Das Mission Control Center konnte sich keinen besseren Verlauf wünschen. In sechs Wochen würde sie ihren Mann wohlbehalten in die Arme schließen.

Gelegentlich stellte man ihr einen Videolink zur Raumstation in 400 km Höhe bereit. Anne freute sich, ihren Mann zu sehen, der für sie allerlei Schabernack mit der Schwerelosigkeit vorführte. Sie atmete jedes Mal erleichtert aus.

Sie begann, ihren beruflichen Alltag als Lehrerin wieder aufzunehmen. Routine, das hatte man ihr mehrfach zu verstehen gegeben, sei das beste Mittel gegen die Angst.

Am Ende der dritten Woche erreichte sie morgens ein Anruf des Europäischen Kontrollzentrums in Darmstadt. Der dortige Leiter hatte schlechte Nachrichten.

«Frau Rademacher, wir sind heute Nacht aus Houston darüber unterrichtet worden, dass es bei der Rückkehr Ihres Mannes zu Komplikationen mit der Fähre kommen könnte. Es besteht überhaupt kein Anlass zur Besorgnis. Notfalls wird der Zeitplan etwas geändert. Nur dass Sie das schon einmal wissen. Draußen ist alles stabil.»

Nachdenklich beendete Anne das Gespräch. Technische Probleme tauchten laufend auf, darauf hatte Tommy sie vorbereitet. Die eingesetzten Systeme gehörten eben zu den fortgeschrittensten je von Menschen konstruierten Maschinen.

Und dennoch gelang es ihr in den folgenden Tagen trotz der Gespräche mit Tommy nicht, die aufkeimende Angst zu unterdrücken. Sie schlief schlecht und schreckte häufig auf, von dumpfen Vorahnungen geplagt. Im Unterricht wanderten ihre Gedanken in den Weltraum, nicht zu den Sitten und Gebräuchen des Römischen Reiches, wie es auf dem Lehrplan stand. Gegenüber den Freundinnen, die sie zu trösten versuchten, brachte sie keine Geduld auf. Immer wieder schaute sie auf die App ihres Telefons, um wenigstens die genaue Position der ISS zu sehen.

Wenn sie an Tommy dachte, und das tat sie ständig, schlug schmerzhaft ihr Herz. Ihr Atem ging jetzt häufig unregelmäßig. Sie verlor an Appetit und an Gewicht. Es half nicht, dass sich das Mission Control Center in Texas nur noch jeden zweiten, dritten Tag meldete, jedes Mal mit der gleichen Nachricht: draußen ist alles stabil. Annes Videokontakte zur Raumkapsel wurden seltener.

Die Fernsehnachrichten hatten schon lange aufgegeben, über die Situation an Bord der Station zu berichten. Verzögerungen sind medial nicht vermittelbar und praktisch nicht zu bebildern, versuchte sich Anne zu trösten.

In ihrer Wohnung wurde es für sie unangenehm eng, trotz der eindrucksvollen Wohnfläche, die die Rademachers sich leisteten. In arbeitsfreien und besucherlosen Stunden begann Anne, Bilder umzuhängen und Sessel zu rücken. Einfach, um die Leere zwischen den Telefonaten zu füllen. Und um die aufkeimenden Zweifel am Sinn dieses Weltraumabenteuers zu dämpfen.

Wozu war das überhaupt gut, wenn man nicht alles im Griff hatte? Warum gerade ihr Mann? Warum meldete er sich nicht häufiger? Warum hörte sie nicht mehr aus Texas oder aus Darmstadt? Vielleicht wollte man sie hinhalten. Vielleicht waren die Probleme doch ernster als gedacht. Vielleicht hatte man sie über all den Schwierigkeiten vergessen.

Mit jedem Tag Verzögerung wurden ihre Gedanken schwärzer. Ihr fielen Situationen ein, die sie immer wieder verdrängt hatte. Peinlichkeiten aus ihrer Adoleszenzzeit. Ihre gelegentlich unangemessene Reaktion auf lernunwillige Schüler. Der heftige Streit mit ihrer Schwiegermutter über Lappalien.

Ihre Angst nahm Fahrt auf. Was, wenn Tommy nicht zurückkehrte, sondern auf ewig im All verschollen blieb? Was, wenn die Raumfähre verglühte?

Die Beklemmung kehrte zurück, die sie ergriffen hatte, als Tommy ihr vor Jahren erzählte, er arbeite daran, in die engere Auswahl der europäischen Besatzungsmitglieder der ISS aufgenommen zu werden. Ihre Angst hatte sich vorübergehend gelegt, je intensiver sie sich mithilfe ihres Mannes und seiner Kollegen über die Sicherheit an Bord und auf dem Flug informierte. Die Bilder der Challenger-Katastrophe von 1986 ließen sich trotzdem nicht abschütteln.

Bei dem Gedanken an Tommy wurde ihr warm ums Herz – bis sich andere Eindrücke stärker in den Vordergrund drängten. Der Herr Professor hatte sie nicht selten spüren lassen, was er von ihrer Lehrerausbildung hielt: nichts. Er konnte hochfahrend sein, ungeduldig und unduldsam, sobald die Rede auf Politisches kam. Gegenüber der Familie benahm er sich häufig herablassend, arrogant. Es war nicht immer einfach, mit ihm auszukommen. Von ihrem Kinderwunsch wollte er nichts hören, nicht einmal darüber diskutieren. Er brauche Ruhe im Haus und die absolute Hoheit über seinen Terminkalender, sagte er. Eine Frau mit dickem Bauch passte nicht in seine Lebensplanung.

Wie gut passte sie in seine Lebensplanung?

Sie erinnerte sich an die schwierigen Tage, als Tommys Seitensprung mit der Professorin aus München nicht mehr zu verheimlichen war. Ihr Mann gab sich reumütig und bat um Wiederaufnahme in den alten Stand gegenseitigen Vertrauens. Sie hatte nachgegeben. Wie immer. Trotzdem war damals zwischen ihnen etwas zerbrochen.

Und jetzt drehte er dort oben seine Runden und meldete sich nur noch sporadisch.

Tage vergingen, in denen sie kaum Neues hörte. Manchmal sprach der Missionsleiter mitten in der Nacht auf ihren Anrufbeantworter, um sie zu beruhigen und ihr mitzuteilen, dass draußen alles ok sei. Sie könne gern auf Kosten des Control Centers nach Texas kommen, wenn ihr das helfe.

Es würde ihr nicht helfen, das wusste sie.

Den Gesprächspartnern bei der ESA in Darmstadt war die Verlegenheit über die unabsehbare Verzögerung anzumerken. Man bot ihr für die schwierige Wartezeit Unterstützung durch eine Psychologin an. Sie lehnte dankend ab. Sich gegenüber einem fremden Menschen zu öffnen, das war ihr jetzt entschieden zu viel. Auf ihr Betreiben hin wurden auch die Besuche der Freundinnen seltener.

War so das Leben? Nur Warten, Grübeln, Zweifeln, Angst? Einsamkeit? Dafür fühlte sie sich bei Weitem zu jung.

Sie hatte so viel vorgehabt, als sie vor Jahren mit Thomas Rademacher zusammenzog. Einiges hatte sich glücklich gefügt. Ihr Status als Gattin eines angesehenen Professors. Das Haus. Die gemeinsamen Reisen. Andere Wünsche hatten sich dagegen nicht erfüllt. Die Unsicherheit über die Zukunft machte sie fertig. Selbst wenn man vom Kind absah, blieb doch ein beträchtlicher Rest an Träumen, die nie in Erfüllung gehen würden.

Manchmal erschrak sie, weil sie dachte, dass Professor Thomas Rademacher nicht der richtige Mann in ihrem Leben war.

Aus den geplanten sechs Wochen des Aufenthalts im Orbit wurden sieben, acht. Dann drei Monate. Anne quälte sich und ihre Umwelt.

Nach vier Monaten kam ein Anruf aus Texas.

«Ms Rademacher, halten Sie sich fest: Es gibt einen neuen Termin für die Rückkehr», rief der Missionsleiter aufgeregt ins Telefon. «Man hat uns von privater Seite einen Gleiter zur Verfügung gestellt. Ein paar Tage noch, dann sollten Sie nach Houston kommen. Und wie wir zusammen feiern werden!»

Anne jubelte und hätte fast das Handy fallengelassen. Sie rief sofort den Kontaktmann in Darmstadt an, um in allen Details zu erfahren, wie Tommys Flug zur Erde ablaufen sollte.

Plötzlich brach Sonne durch die Wolken. Am Ende des Tunnels war ein Licht erschienen. Die engen Wände der Wohnung wichen zurück und schufen wieder Platz zum Atmen. Die wenigen Tage vor dem geplanten Datum würden rasend schnell vergehen. Die Videogespräche mit Tommy wurden wieder häufiger.

Sofort stürzte sie sich in die Reisevorbereitungen. Ihr Leben hatte eine Perspektive. Sie freute sich auf die aufregende Zukunft an der Seite eines erfolgreichen Astronauten. Die Dramatik der vergangenen Tage verstand sie rückblickend nicht mehr. Wieso hatte sie sich mit der Warterei so schwergetan. Hatte sie wirklich an Tommy gezweifelt? Das sah ihr so gar nicht ähnlich. Eine Trennung kam nicht in Frage. Nicht jetzt.

Die Texaner bemühten sich aufmerksam um sie. Alles war vom Feinsten, der Business-Class-Flug über den Atlantik, die Limousine am Flughafen, das komfortable Hotel in Houston. Der Direktor des Kontrollzentrums empfing sie am Tag nach ihrer Ankunft und entschuldigte sich für die lange Verzögerung. Er betonte, dass es ihrem Mann auch nach Auffassung der Ärzte bestens geht.

„Kein Wunder bei dem guten Essen an Bord“, sagte er und schmunzelte. Sie lachte.

Die Wasserung im Golf von Mexiko verlief ohne Zwischenfälle. Ein kurzer Medizincheck, dann wurde die Crew nach Houston geflogen.

Und nur Stunden später konnte Anne ihren Tommy wieder in die Arme schließen. Sie küsste ihn, als wäre nichts geschehen.

Die Tage nach der Rückkehr auf den alten Kontinent waren für beide ausgefüllt mit Interviews, Empfängen und Kongressen. Sie reisten in europäische Hauptstädte, um für die bemannte Raumfahrt zu werben. Man behandelte sie wenn nicht wie Helden, so doch als VIPs.

Wochen vergingen, bevor Anne zur Ruhe kam.

Erst da merkte sie, wie heftig die Schuld in ihr bohrte. Sie musste sich eingestehen, dass sie ihren Mann verraten hatte. Nur in Gedanken. Aber was machte das für einen Unterschied. Bald würde sie es nicht mehr verheimlichen können.

Dann würde sie diejenige sein, die draußen war.