Wieso wir damals meiner Katze den Namen „Elvis“ gegeben haben, weiß ich nicht mehr. Vielleicht weil sie so elegant ihre Hüften schwingen kann. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. An ihrer Stimme kann es kaum gelegen haben.
Elvis liegt auf dem Sofa und träumt. Ihre Beine und der Schwanz zucken von Zeit zu Zeit. Es muss ein aufregender Traum sein. Aufregender als das Buch über kuriose Erfindungen, in dem ich jetzt lustlos blättere.
Plötzlich schrecke ich auf: das nächste Kapitel heißt „Katzenpiano“. Gibt es das? Die erste Illustration eines solchen Geräts entstand im Jahr 1596, lerne ich. Der Holzschnitt zeigt eine Gruppe von Musikern, die unschlüssig um ein klavierähnliches Gerät herumstehen, aus dem … Katzenköpfe ragen. Der Autor meint, dass es sich um eine rein allegorische Darstellung handelt. Unwillkürlich schaue ich kurz zu Elvis hinüber, wie um zu prüfen, ob sie meine anstößige Lektüre missbilligt. Ihre Augen bleiben geschlossen.
Fünfzig Jahre später besaß das Katzenpiano schon musiktherapeutische Zauberkraft, verrät das Buch. Ein italienischer Prinz genas von seiner Melancholie, weil er über das jämmerliche Miauen der Katzen, denen bei Betätigung der Tasten ein Dorn in den Schwanz fuhr, überaus herzhaft lachen musste. Hoffentlich fake news, denke ich.
Ein bekannter bayerischer Moraltheologe griff die Idee auf, lese ich weiter. Seine um 1650 veröffentlichte Illustration zeigt ein handwerklich hervorragend gearbeitetes Instrument — mit neun Katzen, die kläglich und auf das Schlimmste gefasst aus ihren Löchern schauen. Schuldbewusst und mit Herzklopfen unterbreche ich die Lektüre, um durchzuatmen und mich zu vergewissern, dass Elvis‘ Napf mit verdünnter Milch gefüllt ist. Alles gut. Elvis schläft. Ich kehre zum Sofa zurück.
Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb ein renommierter deutscher Medizintheoretiker, dass ein Katzenpiano durchaus die Chance zur Behandlung psychischer Störungen bieten könne, lese ich jetzt. Man müsse nur die Katzen in einer Reihe anordnen und eine geeignete Tastatur über ihre Köpfe stülpen. In ihre nach hinten gestreckten Schwänze würden sich beim Anschlagen der Tasten angespitzte Nägel bohren. Die Melodie und die Mimik der Tiere würden auch den größten Träumer dazu bringen, sich wieder auf die unmittelbare Umwelt zu konzentrieren. Wie pervers ist das denn. Mit einem gewissen Schuldgefühl wende ich mich noch einmal dem Text zu. Vorsichtshalber drehe ich meinen Oberkörper so, dass Elvis, falls sie erwacht, nicht in das Buch blicken kann.
In einer 1883 von einer französischen Zeitschrift veröffentlichten Illustration kommt das Katzenpiano mit sieben Tieren aus. Wie effizient. Jules Verne treibt es zehn Jahre später auf die Spitze: In einer seiner Erzählungen treten Kinder an die Stelle von Katzen … Offenbar durchzieht die Faszination für den obskuren Zusammenhang zwischen Musik und Missbrauch das ganze 19. Jahrhundert.
Ich kann nicht mehr. Sofort versuche ich, mich mit dem Gedanken zu trösten, dass es sich nur um Gedankenspiele handelt. Ganz sicher bin ich mir dabei nicht.
Gott sei Dank, Elvis erwacht. Sie gähnt und dehnt schlaftrunken die Glieder. Dann kommt sie schnell auf die Beine und springt vom Sofa in Richtung Fressnapf.
Das Leben kehrt zurück. Normalität. Ich bin ihr so dankbar.
