Die alten Römer stürzten die in Ungnade gefallenen und kriminellen Politiker vom Tarpejischen Felsen am Rande des Kapitolshügels in den Tod. Solche Bruchstücke aus dem Anekdotenschatz unseres Geschichtslehrers fallen mir immer ohne Vorwarnung ein.
Meine Assistentin kommt herein und stört mich in meinen Gedanken. Betty ist effizient und loyal, wahrscheinlich die Loyalste von allen in diesem Wespennest. Normalerweise ist sie die Ruhe selbst, aber heute wirkt sie angespannt. „Herr Geschäftsführer, der Betriebsrat hat soeben die Vereinbarung zur Arbeitsplatzgestaltung gekündigt. Fristlos! Wegen dem Vorfall neulich.“ Sie hechelt vor Aufregung und legt mir einen Brief hin.
Ich schaue mir das Schriftstück gar nicht erst an, sondern versuche, sie zu beruhigen. „Ich kümmere mich drum“, sage ich souverän und greife zum Telefon. „Das mit der Betriebsvereinbarung wollen wir mal sofort an die Anwälte geben, um die Formfehler zu finden.“ Sobald sie das Büro verlassen hat, lege ich den Hörer wieder auf und öffne die unterste Schublade meines Schreibtischs, wo meine flüssige Nervennahrung wartet. Nur ein kleines Gläschen. Prost. Den Weicheiern vom Betriebsrat werde ich schon einheizen. Es passt mir nicht in den Kram, dass jetzt auch hausinterner Krach droht.
Das Telefon klingelt. „Dr. Bauers ist in der Leitung“, sagt Bettie. Ich melde mich und warte, was der Aufsichtsratschef mir zu sagen hat. Er kommt schnell zur Sache, wir vereinbaren einen Gesprächstermin für heute Mittag im Golfclub. „Wir müssen über die langfristigen Planungen reden“, sagt er katzenfreundlich.
Aber ich durchschaue ihn sofort. Mein Puls steigt. Man will mir ans Leder. Kann ich etwas dafür, dass der Absatz in China eingebrochen ist? Und ist es meine Schuld, dass wir den Russen nichts mehr liefern dürfen? Ich wollte über Istanbul ausweichen, aber nein, die Herren vom Aufsichtsrat wollten kein Risiko eingehen, von wegen drohendem Imageschaden und Staatsanwalt. So haben wir eben diese kleine Umsatzdelle. Na ja, ein Minus von 38 % ist nicht nichts.
Ich schenke mir noch einmal nach.
In Gedanken gehe ich die Mitglieder des Aufsichtsrats durch. Auf wen kann ich mich im Zweifel verlassen, wer will mich loswerden.
Wie von selbst öffnet sich noch einmal die unterste Schublade. Gut für die Nerven, dieses glasklare Zeug, das man nicht im Atem riecht.
Langsam werde ich ruhiger. Dr. Bauers kann mir ja wohl kaum zum Vorwurf machen, dass die Straße dahinten, die Straße von Dings, von Hormus dicht ist und die Einkaufspreise durch die Decke gehen. Dafür sind andere verantwortlich. Zum Beispiel dieser orangene Präsidentenclown, oder? Wo ich recht habe, habe ich recht.
Noch eine Stunde bis zum Termin. Da muss ich fit sein. Man darf sich keine Blöße geben. In solchen Situationen zählt nur entschiedenes Auftreten. Dagegenhalten. Aber freundlich bleiben. Aufsichtsrat ist Aufsichtsrat. Selbst so ein Mopsgesicht wie Dr. Bauers. Schrecklicher Typ.
Einer geht noch rein. One for the road, wie man so sagt. Gleich muss ich noch mal mit Betty reden. Zur Übung mit extralangen Wörtern. Konzentration ist alles. Und dann muss ich mich von diesen Dings fernhalten, diesen Felsen.
