Herrschaftszeiten

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Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie Erster Theil

Die Aussegnungshalle war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Familie des Verstorbenen saß in der ersten Reihe und benetzte ihre Taschentücher. Auch das Personal der Firma, die der Patriarch hinterlassen hatte, hatte sich vollzählig zur Beerdigung eingefunden. Der Pfarrer bemühte sich auf der Kanzel nach Kräften, der großen Unternehmerpersönlichkeit, die gleich zu Grabe getragen werden sollte, in seiner Predigt gerecht zu werden. Auf der Empore wartete die Organistin auf das Zeichen für den letzten Choral.

„So viel leeres Gerede“, wisperte der junge Mann, der in der vorletzten Reihe neben Friedbert saß. „Wie halten Sie das nur aus?“

Überrascht und ein wenig ungnädig blickte Friedbert auf den Unbekannten; Ergriffenheit wäre jetzt doch das schickliche Minimum, oder? Eine Unterhaltung, auch eine gewisperte, störte den Ablauf. Deshalb formte er mit den Lippen nur ein lautloses „Später“.

Der junge Mann zog sein Handy hervor und scrollte, unbeeindruckt von den letzten liturgischen Formeln des Priesters, durch irgendein Portal.

Während die Orgel einsetzte, wurde der Sarg gemessenen Schrittes durch den Mittelgang Richtung Ausgang getragen. Es waren Seufzer zu hören. Nach einigen Minuten konnte sich auch die vorletzte Reihe in den Trauerzug einreihen und die Kirche verlassen.

Im hellen Tageslicht musste Friedbert blinzeln. Sofort stellte sich der Unbekannte an seine Seite. „Eigentlich ist so etwas ja Zeitverschwendung“, sagte der junge Mann mit gedämpfter Stimme und blickte beim Gehen verstohlen auf sein Handy. „Mit Kirche habe ich es nicht so. Und Sie?“

„Rituale können manches leichter machen“, sagte Friedbert leise. Er betrachtete seinen ungebetenen Begleiter zum ersten Mal genauer. Chic, vielleicht ein bisschen zu chic, dachte er. Eitel. Sehr auf sein Äußeres bedacht.

Wie zur Bestätigung strich sich der Begleiter eine Strähne hinters Ohr, setzte eine modische Sonnenbrille auf und sagte:

„Passt nicht mehr in die Zeit. Ebenso wenig wie Parteien oder Gewerkschaften. Stören unsere individuelle Freiheit, finden Sie nicht? Ich heiße übrigens Joe. Eigentlich Johann Sebastian.“

Er lachte und nannte keinen Nachnamen. Ohne Übergang fuhr er fort:

Old school das alles. Ich mache mir schon Vorwürfe, dass ich überhaupt gekommen bin. Glauben Sie, dass man jetzt wenigstens ein Video machen kann?“ Er hob sein Handy auf Augenhöhe und verbannte erneut eine Haarsträhne hinter sein Ohr. Dann fügte er hinzu: „Glaubt sonst keiner, das alles.“

„Weshalb sind Sie gekommen, Joe?“ fragte Friedbert halblaut. Der Trauerzug befand sich jetzt inmitten des Gräberfelds, die für die Beisetzung vorgesehene Stelle war noch nicht erreicht.

„Da vorn, im Sarg, liegt mein Chef.“ Joe sagte es fast fröhlich, um dann flüsternd zu ergänzen: „Wir werden alle überwacht. Besser für die Karriere, wenn man sich hier wenigstens ein paar Minuten sehen lässt.“ Er ließ das Handy sinken, vielleicht wollte er doch nicht als pietätlos gelten.

Im Weitergehen stellte sich Friedbert die Frage, ob dem Mann die Spannung zwischen Individualität und Überwachung bewusst war. Nach einer Minute des Schweigens sagte er, etwas lauter als vorher, denn auch die anderen Trauergäste unterhielten sich jetzt ungeniert:

„Was machen Sie beruflich, Joe, wenn ich fragen darf?“

„Marketing“, kam die Antwort. „Wir glauben an die Wahrheit des Marktes. Wachstum, darauf kommt es an. Potenziale ausschöpfen, Abläufe optimieren, Bürokratie abbauen, sich nicht künstlich bremsen lassen. Schwarzseher stehen nur im Weg. Die Welt ist groß.“

Allerdings, dachte Friedbert. Die Welt ist so groß, dass sie selbst aufgeblasene Hellseher wie den neben mir klaglos erträgt.

„Das Problem“, fuhr Joe fort, „besteht doch darin, dass nicht die richtigen Leute an der Regierung sind. Wir brauchen Fachleute, die etwas von der Sache verstehen. Die richtig rangehen, Probleme lösen, falls nötig mit der Kettensäge. Die groß denken können. Nicht so … Politiker.“ Er verfiel in Schweigen.

„Naja“, sagte Friedbert, „was vermarkten Sie denn so?“

Der Trauerzug hatte sich verlangsamt und kam zum Stehen. Die Grabstätte am Rande des Friedhofs, dort, wo die großen Denkmäler für die Honoratioren der Stadt zu finden waren, war erreicht.

Schweigen breitete sich über die Menge. Der Geistliche hatte sich am Grab umgedreht und vollzog jetzt die Riten, die von seiner Religion vorgeschrieben wurden: Weihrauch, dazu ein tröstender Bibeltext. Die Träger ließen den Sarg gekonnt in die Grube gleiten, der Priester verteilte Weihwasser und ein wenig Erde auf dem Sarg, ein Kreuzzeichen, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser und der Schlusssegen. Die engste Familie warf Erde und Blumen hinab. Der Pfarrer drückte der Witwe die Hand und richtete einige leise Worte an sie.

Dann war es an der langen Schlange der Trauergäste, am Grab vorbeizuziehen und Beileid auszudrücken.

 „Alles Theater“, sagte Joe halblaut zu Friedbert, trat dann aber, als er an der Reihe war, nach vorn, setzte ein bekümmertes Gesicht auf und murmelte etwas in Richtung der Familie. Friedbert nahm sich mehr Zeit, der Nachbarin Tröstliches zu sagen.

Danach wirkten die Trauergäste deutlich entspannter als vorher. Die Gespräche wurden lauter. Man stand in kleinen Gruppen zusammen. Hier und da erklang kurzes Lachen.

Friedbert wandte sich zum Gehen, als sich Joe erneut zu ihm gesellte.

„Langweilig, das alles. Null action, bringt uns keinen Schritt weiter“, sagte der junge Mann. Er zog sein Handy aus der Tasche und machte ein Selfie mit Grabsteinen im Hintergrund.

„Menschen sind nicht nur zum Selbstoptimieren da“, erwiderte Friedbert. Die seltsame Person neben ihm zerrte an seinen Nerven. „Zeit für eine Beerdigung muss sein. Anthropologische Konstante, wenn Sie wissen, was das ist.“

„Verlorene Zeit“, antwortete Joe, ohne auf die eigentliche Frage einzugehen. „Kein flow, kein Ziel. In unserem Job sind wir anderes gewohnt. Da greift ein Rädchen ins andere. Vierundzwanzig sieben.“

 „Sie gehören zu denen, die alles glauben, oder?“ sagte Friedbert. „Alles, was man Ihnen von oben erzählt? Oder was Sie in dem Dings da, in Ihrem Handy sehen?“ Er wollte nicht zornig klingen, auf einem Friedhof war ein solches Gefühl unangebracht.

„Woran glauben Sie denn?“ fragte Joe zurück und beschleunigte seine Schritte, als der Ausgang in Sicht kam. „An Märchen? Langweilig. Man muss viel, viel weiter denken. Ich sage nur KI.“ Joe blickte wieder auf sein Handy und lächelte Friedbert an: „Schauen Sie mal, auf Insta hat jemand gepostet, wie der Sarg heruntergelassen wird. Krass.“

Sie erreichten den Ausgang. Die Menge hatte sich zerstreut. Friedbert wollte schnell zu seinem Auto kommen, Abstand gewinnen, nachdenken. Sich aus der seltsamen Gedankenwelt des jungen Mannes befreien.

„Ich geh jetzt ins Gym, endlich etwas für mich tun“, meinte Joe. „Wann hat man während der Arbeitszeit schon mal die Gelegenheit dazu. War nett, mit Ihnen geplaudert zu haben.“ Er hob die Hand zu einem flüchtigen Gruß und sagte: „Und nicht unterkriegen lassen. Ach“, fügte er noch hinzu, „wir machen übrigens diese berühmte Dating-App: ‚Nie mehr allein‘. Gegen die Einsamkeit, unter der alle leiden. Haben Sie vielleicht auch schon benutzt.“

Friedbert wandte sich wortlos ab. Er freute sich darauf, endlich allein zu sein.